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Vortrag von Herrn Prof. Ingensiep

Vortrag 2011

Am 22. Februar 2011 hielt Herr Prof. Ingensiep von der Universität Essen-Duisburg ausschließlich für die GK PLund TOK zum Abschluss des Jahres der Kulturhauptstadt einen interdiziplinären philosophischen Vortrag in unserer Aula.Unter dem Titel "Von der Unreinheit zur Dreckseele erläuterte Prof. Ingensiep die Geschichte von Krankheiten und Unhygiene im Laufe der Jahrhunderte:

Urgeschichte

In der Frühzeit wurden Krankheiten und Seuchen als eine Götterstrafe angesehen. Öffnungen in Schädeln wurden als Unreinheit bezeichnet, die auf Dämonen hinweisen. Im alten Griechenland hingegen bedeutete eine Erkrankung die Störung des Verhältnisses zwischen Gott und dem Menschen. Nur eine Klarstellung der Beziehung konnte zu einer Genesung führen. Während Hippokrates eine Krankheit als eine Störung im Gleichgewicht der Körpersäfte ansah, behauptete Diogenes von Sinope, dass Unhygiene zu akzeptieren sei.

Christliche Neuzeit

Erst Augustinus brachte die Sünde ins Spiel. Durch die Erbsünde war jeder Mensch von Natur aus unrein und seine einzige Aufgabe bestand darin, sich von ihr zu befreien. Nach der "natura lapsa" ist alles, was von der Natur abstammt, unrein und Sünde. Die Pest galt als Strafe für begangene Sünden. Erst im 16. Jahrhundert sah Montaigne Krankheiten nicht als Strafe Gottes an, sondern als Teil der Natur.

Philosophie als Lösung

Im 18. Jahrhundert beantwortete Leibniz die Theodizeefrage; Gott habe für uns die bestmögliche Welt geschaffen, zu der aber auch Leid gehört. Auch für Linné war Krankheit keine Götterstrafe, sondern eine Form der Naturregulation oeconomia naturae. Pocken beispielsweise sollten die Populationsdichte eingrenzen. Kant hingegen plädierte für eine allgemeine Pockenschutzimpfung, da er die Selbsterhaltung als Pflicht der Vernunft interpretierte. Bei der noch heute existierenden Biopolitik sind Staat und Wissenschaft verantwortlich für die Gesundheitsvorsorge, bei der die Vernunft die Rolle Gottes übernimmt.

Nietzsches "Übermenschen" hat ein Recht auf Leben, da nur dieser ohne Ekel sei. Er verlangt sogar, dass man einem Kranken mit Verachtung entgegentreten solle. Nach Sartre und Camus haben Gott und die Natur keine Bedeutung mehr. Der Mensch ist als Individuum für sein Leben und sowie seine "Dreckseele" verantwortlich, wobei Camus die Absurdität des Lebens betonte.

Gegenwart


Der Ekel spielt noch heute eine große Rolle in unserer Gesellschaft und wird durch zwei Hauptthesen begründet: Einerseits sei der Ekel angeboren und ein natürlicher Schutz vor Krankheiten, anderseits müsse der Mensch nach Freud den Ekel in frühen Kindheitsjahren erst vollständig erlernen. Außerdem versucht die Kunst heutzutage die Reinheitsfrage durch dargestellte Unhygiene zu enttabuisieren.

Tilman Kemper (Stufe 12), Caroline Behr (Stufe 13)

Vortrag 2011

Im Anschluss an den Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Diskussion rund um das "Hygieneverständnis und Ekelempfinden":

Für viele Schüler war die in der Antike verbreitete Auffassung unvorstellbar, dass durch den Glauben an Gott ein Kranker geheilt werden kann. Es stellte sich jedoch zunehmend heraus, dass auch heutzutage viele Krankheiten und Heilungsprozesse psychologisch bedingt sind und deswegen antike "psychotherapeutische" Methoden auf der Ebene des Unbewussten häufig erfolgreich sind.

Ein weiterer kontroverser Aspekt war die Frage nach der Bedeutung von Hygiene heutzutage. Übertriebene medizinische Hygiene resultiert nach Freud aus der Überdisziplinierung in der Analphase des Menschen und dem gesellschaftlichen Druck. Diese übertriebene Hygiene, die in vielen Bereichen praktiziert und gefestigt wird, kann dauerhaft zu resistenz-bedingten Mutationen unserer Erbinformationen führen und die medikamentöse Behandlung von Krankheiten erschweren. Insofern führt eine ausartende Reinheitsidee zu kontraproduktiven Konsequenzen, die Gesundheit und Reinheit entgegenwirken.

Auf der anderen Seite erschien uns die durch Kunst und Esoterik kultivierte Perversion auch ziemlich fremd und abstoßend. Den eigenen Urin zum Beispiel zu trinken, mag in manchen Kreisen vielleicht als Teil einer spirituellen Handlung oder sogar als medizinische Therapie anerkannt sein, aber die breite Masse der modernen Bevölkerung des 21. Jahrhunderts kann dieses Verständnis von Hygiene nicht nachvollziehen.

Wie auch immer wir nun zu unserem persönlichen Hygiene- und Ekelempfinden gekommen sind ob durch erbliche Veranlagung oder durch Erziehung-, so stellt sich im Endeffekt die Frage, ob der Mensch ohne Hygiene überlebensfähig sei. Auch wenn wir diese Frage nicht mit Sicherheit in unserer Diskussion beantworten konnten, kamen wir doch zu dem Schluss, dass Hygiene in verschiedenen Gesellschaftsgruppen unterschiedlich definiert und gehandhabt wird. Eines jedoch eint alle diese Gruppen: ein bestimmtes Hygieneverständnis welcher Art auch immer ist im Laufe der Geschichte zu einem Teil ihrer individuellen Kultur geworden und wird von Generation zu Generation weiter tradiert.

Juliane Dost (Stufe 13)

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