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Am 7. Februar 2012 ...

... hielt Prof. Ingensiep zum dritten Mal einen philosophischen Vortrag in der Aula der Goetheschule Essen: Wie geht man mit Menschen um, die durch Krankheit in ein Wachkoma gefallen sind?Wie kann man über das Leben eines Freundes oder Familienmitgliedes entscheiden? Sollen die Maschinenabgestellt werde? Grund und Antrieb für die Erörterung dieses Themas war für den Dozenten der Philosophie und Biologie kein fachbezogenes Interesse, sondern die Last der Entscheidung, als vor einigen Jahren seine eigene Mutter mit 86 Jahren im Koma lag.

Der Begriff des "Vegetierens" (PVS):

Persistent Vegetative Status ist eine verkürzte medizinische Fachbezeichnung für die umgangssprachliche Bezeichnung "Wachkoma". Der Fall der Wachkoma-Patientin Terri Schiavo aus den USA fand vor einigen Jahren globale Aufmerksamkeit. Mit Beispielen aus verschiedenen Internetchats wurde die mannigfaltige Nutzung des Begriffs "vegetieren" aufgezeigt. Eigentlich verbindet man den Begriff mit dem Dahinleben einer Pflanze; er wird aber auch heutzutage als Metapher auf Menschen und Tiere verwendet.

Hintergründe und Geschichte:

Der Begriff "vegetieren" in Bezug auf Personen beschreibt seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ein ärmliches und kümmerliches Dasein eines Menschen. Der Begriff "human vegetable" tauchte erst etwas später im angelsächsischen Raum auf. Die Assoziation des ärmlichen Daseins und dem pflanzlichen Dahin-Vegetieren gründete und gründet weiterhin in diversen klassischen Vorstellungen der menschlichen Existenz.

Philosophische Aspekte:

Bereits Aristoteles differenzierte zwischen den unterschiedlichen Typen der Seele in den einzelnen lebenden Organismen, die hierarchisch anzuordnen sind. Während die Pflanzen lediglich eine Seele besitzen, die der Ernährung, dem Wachstum und der Fortpflanzung entsprechen (anima vegetativa), besitzen Tiere ebenfalls eine weitere, die für die Bewegung und Empfindung zuständig ist (anima sensetiva). Dem Menschen wird hierbei noch eine zusätzliche die höchste zugesprochen: Dies ist die Seele, die dem menschlichen Geschöpf das rationale Denken erlaubt

(Sind Patienten im Wachkoma noch aus philosophischer Sicht als Menschen zu bezeichnen? Während Kant als junger Mann 80 Jahre alt werden wollte, sah er im hohen Alter ein, dass es nicht mehr seine Kraft war, die ihn noch am Leben erhielt, sondern die der Gesellschaft. Denn sie war bereit, ihn, den nicht mehr "funktionsfähigen" Philosophen und Bürger, am Leben zu lassen. Nietzsche sieht den Kranken als Parasit der Gesellschaft, der ab einen gewissen Zustand nicht mehr länger leben sollte, da er durch das Fortvegetieren in Abhängigkeit von Ärzten das Recht auf Leben verwirkt hat. Die Mediziner sollten die Aufgabe haben, den Menschen ihre tägliche Dosis Ekel zu verabreichen, um die Missgunst der Gesellschaft den Patienten gegenüber offen zu legen. Im 20. Jahrhundert werden drei Positionen vertreten: Nach Jonas ist es aus der moral-anthropologischen Perspektive heraus sinnlos, einen Menschen bewusstlos vegetieren zu lassen. Der Utilitarist Singer bestreitet in extremen Fällen jegliches Lebensrecht, da aufgrund des fehlenden Bewusstseins der Patient nicht mehr als Mensch anzusehen sei. Der jüdische Philosoph Levinas dagegen sieht die "Wurzeln" und den Grund der Moral im "Anderen" (Altrozentrik). Ein Mensch sollte solange durch Maschinen am Leben erhalten werden bis die Anderen bereit sind, ihn loszulassen. Eine generelle Antwort auf die Eingangsfrage lässt sich zwar aus theologischer, aber nicht aus philosophischer Sicht geben.

Durch den Vortrag haben wir eine Klärung von Begriffen und einen Überblick über verschiedene Lösungsansätze erhalten. Nach dem Vortrag wurde in allen PL-Kursen mit Bedacht über dieses persönliche Thema gesprochen. Alle Zuhörer bedanken sich ausdrücklich bei Herrn Prof. Ingensiep dafür, dass wir erfahren durften, wie er in einer Grenzsituation zu seiner philosophischen Entscheidung kam. Die meisten von uns kennen zwar (noch) keine Koma-Patienten. Wir wissen aber jetzt, dass wir dann eine persönliche Entscheidung treffen müssen

Jonathan Schmitz, Marco Delle Vedove Sanchez (Stufe 13)

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