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"Der Mensch ist, was er isst" (Ludwig Feuerbach)

Spitze Reißzähne, Speichel tropft von den Lefzen, fokussierte Augen, der ganze Körper zittert vor Anspannung, ein Sprung, ein Biss, ein kurzer Kampf und schon wieder fordert der Hunger des Tigers ein Leben. Ließe sich solch ein Bild auch auf den Menschen übertragen? Sind wir ein aggressives Raubtier und zum Töten bestimmt?
Dieser Frage ging Professor Ingensiep bei seinem philosophischen Vortrag am 5. Februar zum Thema "Food ethics" nach. Bereits zum fünften Mal durften die Philosophie- und TOK-Kurse der Oberstufe einen tieferen Einblick in den Grenzbereich von Philosophie und Biologie gewinnen und anschließend mit dem Professor in eine kontroverse Diskussion treten.
Sein gesamter Vortrag orientierte sich an dem Zitat Feuerbachs "Der Mensch ist, was er isst" und ging bei der Beantwortung der daraus resultierten Frage "Welcher Mensch möchte ich sein?" auf drei Bereiche ein:

I. Anthropologie
Die Anhänger des physischen Anthropologismus scheinen Feuerbachs These zunächst zu bestätigen. So formulierte Jacob Moleschott in seinem Buch "Naturwissenschaft und Revolution" von 1850 die Notwendigkeit einer richtigen Ernährung, um physische und psychische Leistungen zu vollbringen, was im Zeitalter der Industriellen Revolution immer stärker an Bedeutung gewann. Dies war Grundlage für Feuerbach, welcher den Gedanken auf die Politik übertrug und somit erklären konnte, weshalb die Iren nie erfolgreich Widerstand gegen die Briten leisten konnten: Die Briten wären durch den oftmaligen Verzehr von Fleisch tatkräftiger als die armen "irischen Kartoffelesser". All dies brachte Friedrich Nietzsche mit dem Satz "Geist braucht Fleisch" auf den Punkt.

II. Evolutionsbiologie
Eine andere Betrachtung lässt die Evolutionsbiologie zu. Denn im Laufe der Evolution haben sich zwei wesentliche Lebensweisen etabliert. Es gibt einmal die autotrophen Lebewesen, die sich z.B. durch Fotosynthese selbst ernähren können, und zum anderen die heterotophen, die dazu gezwungen sind, durch Bewegung aktiv Nahrung aufzusuchen.
Dem Menschen nimmt durch den aufrechten Gang und seine freien Hände eine Sonderposition ein. So passte er sich in der Neolithischen Revolution der Lebensweise der Pflanzen an, indem er sesshaft wurde und begann Tiere zu domestizieren.
Der ökologische Konsum-Anthropozentrismus baut auf der Idee der Sonderstellung auf, da er den Menschen an der Spitze der Nahrungspyramide stellt. Ähnliches gilt für die Seelentypen des Aristoteles, da der Mensch im Gegensatz zu den Tieren über einen Verstand (anima rationalis) verfügt. Die Tiere wiederum stehen aufgrund ihrer sensitiven Wahrnehmung (anima sensitiva) über den Pflanzen, die lediglich "vegetieren" (anima vegetativa).

III. Ethik
Erst seit dem 18. Jahrhundert beschäftigt man sich mit den Problemen der Tierethik. Eine klassische Position hierzu liefert Kant, wonach Tiere zwar gegessen werden dürfen, aber aus Vernunftgründen eine gute Behandlung verdienen sollten. Ebenso legitimiert Schopenhauer das Töten, obwohl man Tiere aus Mitleid schützen sollte. Nach Albert Schweitzer und seiner Überzeugung des Biozentrismus sollte man Ehrfurcht vor allem Leben haben. Trotzdem verkennt er nicht die Bedeutung des Fleisches und befindet sich daher in einem Dilemma.
In der aktuellen Diskussion hingegen wird verstärkt auf die Würde und das Wohl der Tiere eingegangen, wodurch sich einige radikalere Positionen herausgebildet haben, die etwa den Konsum von Fleisch gänzlich ablehnen. Geleitet durch die Frage, ob Tiere leiden können (Bentham), entstanden Positionen wie die von Ryder, wonach allein der Schmerz zählt, oder die von Regan, nach dem Tiere als Lebenssubjekte einen individuellen Eigenwert haben. Da Tiere dieselben Lebensinteressen wie Menschen haben, erhob schließlich Singer den Vorwurf, dass wir durch den Anthropozentrismus andere Arten diskriminieren.
Zusätzlich zur Tierethik rücken seit etwa 30-40 Jahren immer stärker die ökologischenKonsequenzen unserer Essgewohnheiten in der Umweltethik in den Vordergrund. Große Probleme wie die industrielle Massenproduktion, die viel zu häufig Antibiotika einsetzt, Recourcenverschwendung durch die Fleischproduktion, bei der etwa 15000 Liter Wasser zur Erzeugung von 1kg Rindfleisch eingesetzt werden müssen, das Abholzen der Regenwälder zum Anbau von Soja und Ölpalmen oder die Gentechnik lassen Fragen aufkommen, wie der Mensch sich nun ernähren sollte und welche Verantwortung er durch seinen Konsum hat. Hierauf würde Hans Jonas antworten, dass unsere persönliche Verantwortung so weit reicht wie unsere Macht. Der Mensch ist demnach also sehr wohl durch sein Kaufverhalten verantwortlich. Frau Kretschmann erzählte, dass sie auf Borneo mit eigenen Augen gesehen hat, wie viel Dschungel bereits gerodet wurde, um Platz für Ölpalmen zu schaffen und der Lebensraum für Orang-Utans so schwindet.
Als letzten Aspekt verglich Professor Ingensiep unser Essverhalten mit dem unserer nächsten Verwandten, den Bonobos. Im Gegensatz zu den Schimpansen, die ein teilweise sehr aggressives Verhalten aufweisen und sogar Artgenossen töten können, ernähren sich die Bonobos überwiegend frugivor, d.h. von Früchten. Der tierische Anteil der Nahrung beträgt lediglich 1,5%. Allerdings lässt dies keine direkten Rückschlüsse darauf zu, wie wir uns ernähren sollten, sondern höchstens, wie wir es könnten. Somit haben wir die Wahl zwischenverschiedenen Angeboten: Man kann sich überwiegend von Fleisch ernähren, Gemischtköstler, Vegetarier oder Naturaner (nur Nahrungsmittel, wofür weder Pflanzen noch Tiere verletzt oder getötet werden mussten) sein. Im Paradies ernährten sich die Menschen vegetarisch.

Bei der sich anschließenden Diskussion in der Aula und später im Unterricht wurden unterschiedliche Standpunkte deutlich. Wir Schüler bedanken uns herzlich bei Herrn Prof. Ingensiep für seine neutrale Darstellung. Er zeigte uns als Philosoph unmissverständlich die Konsequenzen auf, die unser Verhalten hat.

Sophie Stachow, Timo Bolte (Abitur 2014)

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