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Eine ausführliche Präsentation des Projekts

Lebensfreude, Samba, Strand - und ... Fußball.

Brasilien ist Weltmeister: nicht nur im Fußball,
sondern sehr viel länger schon auf dem Gebiet
der ungerechten Verteilung von Lebenschancen.

Im Weltentwicklungsbericht der UN ist über Brasilien zu lesen:
die 10% der reichsten Haushalte haben ein 70 mal höheres Einkommen
als die 10% der ärmsten Haushalte; in den letzten zehn Jahren ist die
Analphabetenquote in den reichen Bundesländern um fast 5%,
in den armen dagegen nur um 1,2% gesunken.

Es ist nicht der Mangel an natürlichen oder wirtschaftlichen Ressourcen,
der für die Tatsache verantwortlich ist, dass 56 Millionen (33%) der Brasilianer
unterhalb der Armutsgrenze, von weniger als einem Euro pro Tag leben.

Das aktuelle Entwicklungsmodell sorgt dafür, dass es heute Millionen Land- und
Obdachlose gibt, Analphabeten, Kinderarbeiter und Prostituierte, Favelabewohner,
jugendliche Drogenabhängige, Arbeiter ohne geregelten Arbeitsvertrag, Unterbeschäftigte
und Arbeitslose.

Seit sieben Jahren lebt der Dortmunder Meinolf Schröder
im Nordosten Brasiliens,
zusammen mit seiner Frau Gracinete Lemos Schröder
und seinem Sohn Julio:

in Bacabal, einer Kleinstadt mit etwa 80.000 Einwohnern,
im nordostbrasilianischen Bundesland Maranhão,
240 km von der Atlantikküste entfernt gelegen,
im Übergangsgebiet zwischen den Dürrezonen des östlichen Nachbarlandes
Piaui und den tropischen Regenwäldern des Amazonas.

Meinolf Schröder und seine Frau arbeiten dort
mit Frauen, Männern und Kindern
in ländlichen und randstädtischen Gemeinden,
denen zwar das Lebensnotwendigste fehlt:
Nahrung, Wohnung, Bildung, Gesundheit -
die aber dennoch erstaunliche Fähigkeiten haben,
sich und ihre soziale Umgebung zu verändern.

Am Stadtrand von Bacabal, etwa sechs Kilometer vom Zentrum entfernt,
liegt "Novo Bacabal".
Hier haben vor etwa sieben Jahren einzelne Familien begonnen,
auf dem Gelände eines Großgrundbesitzers ihre Häuser zu bauen:
einfache Lehmhütten, zum Teil mit Palmstroh gedeckt.
Im Mai 2001 leben hier etwa 450 Familien, im Januar 2005 sind es ungefähr 780.

Was den Stadtteil kennzeichnet:
unbefestigte Wege, unzureichende Wasserversorgung, mangelhafte Abwasser- und Müllentsorgung.
Es gibt eine Grundschule, die seit zwei Jahren notdürftig funktioniert. Anfang 2004 wird im Stadtteil ein Gesundheitsposten eröffnet.

Die Menschen in Novo Bacabal leben von Gelegenheitsjobs
auf Tageslohn-Basis, viele Frauen arbeiten als Hausangestellte
im Stadtzentrum, für einen Monatslohn von 20 oder 30 Euro.

Die meisten Familien kommen aus dem dörflichen Landesinneren,
auf der Suche nach besserem Leben.
Sie haben dadurch oft alles verloren, was ihnen dort noch
Unterhalt und Sicherheit bedeutete: einen kleinen Acker
zur Selbstversorgung mit Reis, Bohnen und Mais, gewachsene
Familienstrukturen, nachbarschaftliche Beziehungen, Traditionen ...

"Wir kamen hier an wie die versprengten Funken eines Holzfeuers,
wir haben hier gar nichts, kein sauberes Wasser,
kein ausreichendes Essen, keine Arbeit ...",
sagt ein junger Familienvater aus Novo Bacabal.

Die Konsequenzen sind überdeutlich.

Zum Alltag des Stadtteils gehören Hunger, Alkohol
und Drogenmissbrauch, physische und sexuelle Gewalt,
hohe Schwangerschaftsraten Jugendlicher -
all das direkte Auswirkungen von Marginalisierung,
Zersplitterung und Entmutigung der Familien, die hier leben.

Wie kann man unter diesen Bedingungen
mit den Betroffenen Veränderungen in Gang setzen,
die neue Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten
eröffnen?

Mit informellen Hausbesuchen beginnt im Mai 2001
eine erste Mobilisierungsphase im Stadtteil Novo Bacabal.

Die Bewohner schildern ihre Lebenssituation, sprechen
von ihren Sorgen und Wünschen.

Verlassen, verachtet, vergessen - das sind immer
wiederkehrende Stichworte in den Gesprächen.

Katastrophale Wohnverhältnisse, auf dem Boden
spielende, verwahrloste oder hungrige Kleinkinder,
perspektivlose Jugendliche, arbeitslose Väter,
überforderte Mütter ...

Im Juni 2001 werden die Bewohner von Novo Bacabal
zu einem ersten Treffen eingeladen: unter freiem Himmel
versammeln sich etwa 35 Männer und Frauen, Jugendliche
und Kinder.

Ihre Erwartungshaltung:
da kommen Leute von der Regierung oder von der Kirche,
Politiker oder Missionare, die unsere Probleme lösen werden.

Sie sind überrascht, als sie merken, dass es bei
diesen Treffen, die von da an wöchentlich stattfinden,
darum geht, im Dialog und gegenseitigem Zuhören die eigenen
Kräfte und Fähigkeiten zu entdecken und zu stärken und damit
die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sie ihre Geschichte
und die ihres Stadtviertels in die eigenen Hände nehmen, zu
Akteuren ihres individuellen und gemeinsamen Lebens werden können.

Heute erzählen die Mitglieder stolz von den kleinen "Siegen",
die sie im Laufe der Jahre als Früchte ihrer Initiative feiern
konnten:
Haupt- und ehrenamtliche Gesundheitshelfer arbeiten
im Stadtteil, beraten die Familien und begleiten vor allem Säuglinge
und Kleinkinder.
Die Straßen in Novo Bacabal sind zwar noch immer
nicht asphaltiert, aber haben zumindest schon eine Schotterdecke
bekommen.
Ein einfaches Gemeinschaftszentrum wurde errichtet, wo heute u.a.
das Projekt VAMOS! CRIANÇA (s.u.) arbeitet, Alphabetisierungskurse
für Jugendliche und Erwachsene angeboten werden, Nachbarschaftsfeste
stattfinden ...

Verbindungen zwischen den Menschen werden erleichtert,
neue Nachbarschaften gestärkt, Netze von Affektivität
und Solidarität geknüpft.
"UNIDOS VENCEREMOS - Gemeinsam gewinnen wir" nennt sich die
Stadtteilgruppe heute. Sie ist zu einem Ort geworden, wo die
einfachen Leute - unabhängig von Rasse, Geschlecht Alter und Religion -
eine Stimme bekommen, das Sprechen lernen und vor allem: gehört werden.
Maria de Socorro sagt: "Es ist ein gutes Gefühl, wenn ich sagen kann:
ich gehöre zur Gruppe Unidos Venceremos. Seit ich da mitmache, fühle
ich mich als Mensch."

Ein wichtiges Element beim Aufbau des Gemeinwesens ist
das alternatives Bildungsprojekt VAMOS! CRIANÇA,
das bedeutet: "Los geht's, Kind(er)!"

Bereits im Februar 1998
haben Mitarbeiterinnen der Kinderpastoral, Gesundheitshelferinnen
und Siedlungsbewohner dieses Projekt in "Alto da Assunção",
am Stadtrand von Bacabal, initiiert.

Im Projekt treffen sich 75 Jungen und Mädchen
im Alter zwischen sieben und sechzehn Jahren,
um miteinander zu spielen und zu lernen.

Alle waren als Kleinkinder unterernährt und haben daher heute
Kommunikations- und Lernschwierigkeiten.

Ziel des Projektes ist es daher,
durch eine systematische pädagogische Arbeit
das Selbstvertrauen dieser Kinder zu stärken
und sie zu befähigen, kritisch und kreativ
am Leben in Familie, Schule und Gesellschaft teilzunehmen.

Inspiriert von der Methodik befreiender Erziehungs- und
Bildungsarbeit des brasilianischen Pädagogen Paulo Freire
werden dabei positive Veränderungen und Entwicklungen dadurch
angestoßen, dass die Kinder in ihrer Lebenssituation wahrgenommen,
sie als gleichberechtigte Partner ernstgenommen und damit als
unverwechselbare Menschen unbedingt angenommen werden.

Zum Projektprogramm gehören Spielen, künstlerisches Gestalten
mit unterschiedlichsten Materialien, Musik Theater und Tanz,
Übungen zur Körperwahrnehmung und Entspannung ...

... daneben aber auch die gezielte Förderung
im Lesen, Schreiben und Rechnen.

Gelegentlich werden auch "Exkursionen" unternommen:
etwa in die örtliche Bibliothek ...

Die Förderung der Musikkultur ist einer der Schwerpunkte
der Arbeit mit den Kindern.
Dahinter steht die Einsicht, dass musisch-künstlerisches Gestalten
bei Kindern und Jugendlichen nicht nur deren Sozialverhalten positiv
beeinflusst, sondern auch Potentiale ihrer kognitiven und logischen
Intelligenzen fördert.

Ausdauer, Stetigkeit, Zuverlässigkeit, Konzentration und
Selbsterfahrung der Kinder und Jugendlichen werden durch Musik
nachhaltig gestärkt. Zudem gehören Musik und Tanz untrennbar
zur brasilianischen Volkskultur und sind daher auch aus dem
Alltag des Projekts VAMOS! CRIANÇA nicht wegzudenken.

Für viele Kinder ist die Schulspeisung im Projekt
die einzige warme Mahlzeit am Tag

Das Projekt VAMOS! CRIANÇA wird von der Pädagogin und
Krankenschwester Gracinete Lemos Schröder geleitet
und
arbeitet heute mit insgesamt fünf Gruppen in den beiden
Stadtrandsiedlungen "Alto da Assunção" und "Novo Bacabal".

Jede der fünf Gruppen von je 15 Kindern wird von
zwei pädagogische Mitarbeiterinnen begleitet.
Diese wohnen jeweils im selben Stadtteil, kennen daher den
Lebenskontext der Kinder besonders gut und versuchen, auf
deren individuelle Bedürfnisse mit gezielten pädagogischen
Angeboten zu reagieren.

Dazu tragen auch die monatlichen bzw. jährlichen
Planungs- und Auswertungstreffen, regelmäßige Fortbildungen
und gemeinsame Exkursionen des pädagogischen Teams bei, das
aus den Gruppenleiterinnen und einer dreiköpfigen Projektleitung
besteht.

Großen Wert legen Projektleitung und die neun pädagogischen
Mitarbeiterinnen auf die Integration der Eltern, der Schule
und der örtlichen zivilen und kirchlichen Gemeinden in die
Projektarbeit.
So werden alle Familien wenigstens einmal monatlich von den
Pädagoginnen zu Hause besucht. Einmal pro Monat treffen sich alle
Eltern zu einem gemeinsamen Erfahrungsaustausch mit den
Projektmitarbeiterinnen.

Die Integration mit der örtlichen Gemeinde wird durch
verschiedene Aktionen gefördert.

So haben in den beiden Stadtvierteln die Kinder und
Jugendlichen Kampagnen im Bereich Dorferneuerung,
Müllentsorgung, Umweltschutz und Hygiene durchgeführt.

Stadtteilfeste zu verschiedenen Anlässen bieten
die Möglichkeit, das Projekt und seine Arbeit
einem breiten Publikum vorzustellen.

Ende 2003 hat das Projekt mit 15 Jugendlichen
(Durchschnittsalter 15 Jahre) ein Pilotprogramm im
Stadtteil Alto da Assunção entworfen und gestartet.

Anstoß dafür waren die gewandelten Bedürfnisse der Kinder,
die schon drei oder mehr Jahre am Projekt teilgenommen hatten
und für die nun nach einer kontinuierlichen Weiterarbeit auf der
Basis der schon vorhandenen Projekterfahrungen gesucht wurde.

Unter pädagogischer Anleitung trifft sich diese neue Gruppe
seit Anfang 2004 dreimal wöchentlich, um
altersrelevante Themen zu erarbeiten (Sexualität, Drogen, Gewalt, Umwelt etc.); kunsthandwerkliche Techniken zu erlernen und anzuwenden; Fähigkeiten im musisch-kulturellen Bereich
zu entdecken und zu fördern.

Aufgrund der positiven Erfahrungen mit dieser Arbeit
ist geplant, das Programm ab 2005 auf weitere 15 Jugendliche
im Stadtteil Novo Bacabal auszuweiten.

Francília (13):
"Das Projekt ist für mich wie ein Zuhause."

Thayse (14):
"Hier fühle ich mich gut, wie zu Hause.
Denn hier spielen und lernen wir und
schließen Freundschaften."

Bárbara (13):
"Hier habe ich gelernt,
den anderen wie mich selbst zu mögen.
Das Projekt ist sehr wichtig für mich!"

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