Projektbericht
"Kreative Klänge" - Produktion
Im Folgenden habe ich versucht, das Projekt dergestalt Revue passieren zu lassen, dass einige wesentliche Empfehlungen für die Nachahmung – eben im Sinne eines „Praxisleitfadens“ – deutlich werden; diese habe ich fett hervorgehoben.
Als ich mich gemeinsam mit meinem Grundkurs Musik der Jahrgangsstufe 11 auf das Teilprojekt „Kreative Klänge“ einließ, wurde mir schnell bewusst, dass nicht nur das Alter, sondern auch die unterschiedlichen Musikpräferenzen sowie die je spezifische Auffassung, wie mit Musik umzugehen sei, einige Schwierigkeiten mit sich bringen würden. – Dementsprechend habe ich mich alsbald daran gemacht, eine Arbeitsplanung auf den Weg zu bringen, die sich durch einen „gemeinsamen Nenner“ auszeichnet, so dass es insgesamt eine allen gemeinsame Leitidee gab, die aber auch offen genug für kreative Einfälle war, konkret: die Orientierung an einem selbst auszuwählenden Thema, dessen Bearbeitung dann Stück für Stück in Angriff genommen werden sollte (einige Beispiele wurden vorab als Anregung gegeben). Darüber hinaus erschien es mir unabdingbar, dass beide Seiten – SchülerInnen und HeimbewohnerInnen – umfassend auf das Projekt vorbereitet wurden und in diesem Zusammenhang insbesondere nicht nur die Inhalte und Arbeitsprozessschritte, sondern auch die je unterschiedlichen (Lebens-)Bedingungen zur Sprache gebracht wurden. Für die GoetheschülerInnen stand beispielsweise von vornherein fest, dass das Ergebnis „schon recht ordentlich“ sein sollte; d. h. nicht nur das „Kunstwerk“, sondern auch dessen (hohe) Qualität spielte eine entscheidende Rolle – eben auch passend zu unserer eigenen anspruchsvollen Arbeit in den Chören und Orchestern an der Goetheschule. Auf der anderen Seite gab es eben auch einige ältere Menschen, die „eigentlich nur ’was singen“ wollten. So entstand auf beiden Seiten – dies sei an dieser Stelle bereits gesagt – im Laufe der Begegnungen und des gemeinsamen Austauschs ein neues Bewusstsein: einerseits die Anerkennung der Tatsache, dass es um mehr als um „musikalische Kunstwerke“ geht, dass Musik eben auch ein Medium ist für den gemeinsamen Austausch, das gemeinsame Er-)Arbeiten; andererseits das Überschreiten der eigenen Grenzen und die Erfahrung, dass auch in hohem Alter noch spannende und konstruktiv-kreative Leistungen möglich sind, die sich dann letzten Endes auch für die Qualität des Zielproduktes als förderlich erweisen.
Aus eigener Erfahrung (meinen Zivildienst absolvierte ich als v. a. musikalischer Betreuer in einem Altersheim) sowie nach Rücksprache mit Herrn Schneider, dem Pflegedienstleiter des Hauses, fiel die Entscheidung, „Kreative Klänge“ als eine Art Intensivprojekt zu gestalten, das sich eben nicht über Wochen hinzieht, sondern auf drei Blockveranstaltungen (am 1., 8, und 10.4.2008) zu je etwa zwei bis zweieinhalb Stunden vor Ort (einschl. Pausen) fixiert wird, so dass der Klang beim jeweils nächsten Mal immer noch hinreichend präsent ist und man schnell wieder anknüpfen kann; außerdem könnte sich bei einem mehrwöchigen Projekt unter Umständen das Problem ergeben, dass der oder andere Heimbewohner aufgrund einer akuten Verschlechterung seines Gesundheitszustandes o. Ä. nicht mehr zur Verfügung steht – und dies wäre fatal, denn alle Akteure (Schüler und Bewohner!) haben mit Blick auf das Endergebnis eine je eigene Aufgabe: Jeder individuelle Klang ist Teil des Gesamtklangergebnisses!
Auch die Einteilung der Gruppen erfolgte, als alle Termine feststanden, bereits in der Schule (Vorstrukturierung), und zwar so, dass die Instrumentalisten (z. B. Flöte, Cello und Klavier) auf die verschiedenen Gruppen verteilt wurden. Auch die sich im Musikkurs befindlichen Mitglieder der Technik-AG wurden hinsichtlich einer Aufzeichnung auf Bild-/Tonmaterial eingebunden. Dann wurde der grobe zeitliche Verlauf bekannt gegeben, es wurde gesagt, was inhaltlich in etwa erwartet wird (thematische Ausrichtung, s. o.) und was mit Blick auf das Verhalten vor Ort zu beachten ist; schließlich wurde festgelegt, wer mit dem VW-Bus des Altersheimes fahren und wer sich hingegen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg machen wird. Auf die Gruppenarbeiten vor Ort möchte ich an dieser Stelle nicht näher eingehen und stattdessen auf die Arbeitsprozessberichte und Handlungsverlaufsplanungen aus den beiden Schülergruppen verweisen. Interessant war vor allem, dass die Gruppen den Begriff der Kreativität bzw. des „Themas“ recht unterschiedlich auslegten: In einer Gruppe stand die kreative Auseinandersetzung mit einem Volkslied im Mittelpunkt der gemeinsamen Arbeit (etwa im Sinne eines „Arrangements“, hier: vokaler Schwerpunkt), in der anderer Gruppe hingegen die kreative Ausgestaltung eines außermusikalischen Themas (etwa im Sinne von „Programmmusik“, hier: perkussionistischer Schwerpunkt), wobei allerdings auch im Laufe der „Geschichte“ ein Volkslied eingebaut bzw. „zitiert“ wurde, aber eben als Teil einer Gesamthandlung. – Im Folgenden möchte ich mich nun auf ‚Besonderheiten’ beschränken, etwa auf besondere ‚Probleme’ oder auch ‚Erfolge’ – in welcher Hinsicht auch immer.
Positiv, gleich zu Beginn, erschien mir die Tatsache, dass vom ersten Moment an eine intensive Begegnung stattfand, in der durchaus auch z. T. anfängliche Barrieren ausgeräumt werden mussten, wenn bspw. die Erwartungen der Heimbewohner untereinander abwichen. So konnten bzw. mussten die SchülerInnen immer wieder auch moderierend tätig werden; hierbei nahm man sich aber auch stets Zeit für kurze Gespräche: So schätze es eine ältere Dame französischer Abstammung z. B. sehr, dass sie mit Florian Classen (selbst zweisprachig aufgewachsen) sich mal wieder in französischer Sprache unterhalten konnte. Natürlich wurde auch recht schnell klar, dass es im Hinblick auf „das Künstlerische“ – und auch hier gab es einen insgesamt konstruktiven Austausch – unterschiedliche Auffassungen und eben auch Grenzen gab, so dass z. B. extrem „schräge“ bzw. atonale oder auch reine Geräusch-Kompositionen von vornherein nicht in Frage kamen. – In jeder Gruppe einigte man sich dann jedenfalls – auch gerade weil man wusste, dass die Zeit insgesamt begrenzt war – auf ein jeweils zu allen Beteiligten passendes Konzept; das Klangergebnis war stets ein „work in progress“, d. h. es wurde immer wieder erprobt, revidiert und zunehmend ‚geformt’.
Besonders hervorzuheben ist jedenfalls die Gruppe älterer Menschen, die mit den Schülern v. a. auf perkussionistischer Grundlage einen Tag im Zoo thematisierte: Rückblickend auf meine eigene Dienstzeit im Altersheim habe ich sie erlebt als außergewöhnlich experimentell und „elementar“, und zwar i. S. Carl Orffs: elementar als das „aus sich selbst Tätige“! Hier konnte vor allem der Perkussionist Paul Meyer-Schwickerath viele Impulse dahingehend geben, dass die älteren Menschen die mit dem Schlagwerk verbundenen Möglichkeiten entdecken lernten. Außerdem fand hier auch das sog. „fächerübergreifende Arbeiten“ statt: die Einbeziehung eines selbst geschriebenen Textes, der von Mazyar Ghiassi vorgetragen wurde. – Die entscheidende und zugleich außergewöhnlich gute Leistung der Schüler (auf Grundlage ihres enorm hohen Maßes an Sensibilität) bestand darin, dass sie intuitiv und auch im Dialog mit den Mitstreitern verstanden, dass es sich bei diesem Projekt um mehr als eine musikalische Begegnung handelt, dass es neben der künstlerischen Herausforderung auch Herausforderungen im sozialen und kommunikativen Bereich gab und demzufolge, wiederum in künstlerischer Hinsicht, in den verschiedenen Gruppen die Messlatte unterschiedlich hoch aufgehängt werden konnte. So war im Rahmen der gegebenen Voraussetzungen – es wurde niemand überfordert – jeweils ein Höchstmaß an Kreativität möglich!
Im Übrigen hat es sich im Nachhinein als sinnvoll erweisen, Zwischenreflexionsphasen im Rahmen des Unterrichts durchzuführen, um sich z. B. die o. g. Unterschiede zwischen den Gruppen bewusst zu machen und dementsprechend bei allen Schülern eine Erwartungshaltung aufzubauen („Was wird bei den anderen wohl ‚rauskommen?“) und das Projekt auch in dieser Hinsicht spannend zu gestalten. – Außerdem war es notwendig, im Anschluss an die Arbeitsphasen jeweils eine kurze Besprechung im Bus des Altersheims während der Rückfahrt folgen zu lassen (Was hat sich getan? Wie kann es weitergehen? Welche Alternativen sind ggf. möglich? usw.).
Schließlich – auch diese Vorgehensweise hat sich rückblickend als gelungen erwiesen – wurden die Arbeitsergebnisse präsentiert, und zwar im Rahmen eines „Abschlusskonzertes“ im (treffenderweise so genannten) „Raum der Begegnung“ am Ende des letzten Termins, natürlich nach vorangegangenen „Generalproben“. Das Programm bestand aus drei Teilen: Zunächst erläuterten und präsentierten die drei Gruppen ihre Arbeitsergebnisse. Es folgte ein zweiter Teil, in dem verschiedene Schüler ihre vorbereiteten Instrumentalbeiträge vortrugen – dies auch als ein musikalisches Dankeschön an die Heimbewohner für die gute und kreative Zusammenarbeit; es musizierten Caroline Huft (Querflöte), Alexander Bothe (Cello), Claudia Mehl (Klavier) sowie Noemi Vollmer und Dana Pelizaeus (Blockflöten). Schließlich wurden im dritten und letzten Teil zum Ausklang noch einige Volklieder mit den Bewohnern gesungen. – So war dieses „Konzert“ auch für die SchülerInnen eine gelungene Möglichkeit, das Podium zu nutzen, um anderen ihre Beiträge zu Gehör zu bringen und somit auch die eigene Präsentations- und Ausdrucksfähigkeit in der Öffentlichkeit trainieren zu können. Schließlich wurden von Otto Schildknecht und Patrick Fuchs noch zwei ältere, am Konzert beteiligte Damen zum Verlauf und Ergebnis des Projektes interviewt.
Das Projekt „Kreative Klänge“ war also mehr als ein „künstlerisches Ereignis“ – soweit die zentrale Erkenntnis bei Jung und Alt! Auf dieser Grundlage wurde auf beiden Seiten die Bereitschaft und Entschlossenheit zum gemeinsamen, bestmöglichen kreativen Austausch erst möglich! Es war ein bereicherndes Ereignis für alle Beteiligten: Dies war, vor allem im Laufe der gemeinsamen Abschlussveranstaltung, deutlich zu sehen und zu spüren und wurde auch in den anschließend geführten Interviews deutlich. Besonders lobenswert war jedoch nicht nur die Offenheit vieler Bewohner, sondern eben auch der Einsatz der SchülerInnen während der gesamten Dauer des Projekts, insbesondere deren Sensibilität vor Ort; schließlich ist auch die Unterstützung durch den Pflegedienstleiter, Herrn Schneider, zu erwähnen, der die SchülerInnen mit den größeren Instrumenten, unsere Techniker sowie die Perkussionsinstrumente und Glockenspiele der Goetheschule mit dem Bus des Altersheimes stets hin und zurück beförderte, der vor Ort unsere Arbeit spontan und hilfreich unterstütze und auch der Abschlussveranstaltung mit Interesse und sichtlicher Freude beiwohnte; ihm sei an dieser Stelle ein besonderer Dank ausgesprochen.
